Nachhaltigkeit scheint für viele lediglich ein aktuelles Modewort zu sein, eine kurzfristige Erscheinung, von der in ein paar Jahren niemand mehr sprechen wird. Doch der verantwortungsvolle Umgang mit den (in der Regel begrenzten) natürlichen Ressourcen ist zum einen kein neu erfundenes Thema und zum anderen eine Frage, die jeden von uns angeht. Ziel und Grundgedanke von Nachhaltigkeit ist es, im hier und jetzt so zu agieren und zu wirtschaften, dass die verfügbaren Ressourcen, welche auch die kommenden Generationen für ihr Leben benötigen, nicht unwiderruflich zerstört oder ausgeschöpft werden.

Wer sich also mit der Idee des nachhaltigen Weinanbaus beschäftigt, muss sich grundsätzlich mit drei unterschiedlichen Hauptaspekten auseinandersetzen, welche man in ein Gesamtkonzept zusammenfügen muss – dem ökologischen Aspekt, ökonomischen (wirtschaftlichen) Gesichtspunkten sowie der sozialen Betrachtungsweise. Wie kann man die natürlichen Vorkommen schonend und verantwortungsvoll nutzen, gleichzeitig aber auch erfolgreich wirtschaften sowie als Unternehmer seinen Mitarbeitern gegenüber eine angemessene Bezahlung bei einer ausgewogenen Work-Life-Balance umsetzen?

Auf den ersten Blick scheinen sich diese unterschiedlichen Ziele zu widersprechen. Schaut man jedoch näher hin und beschäftigt sich intensiver mit der Thematik, dann entdeckt man unweigerlich Schnittpunkte und Schnittmengen, aus denen sich Ansätze für eine umfassende Nachhaltigkeit im Weinbau ergeben. Bereits seit den 1980ern ist dies in der Landwirtschaft generell und auch im Weinbau ein wichtiger Faktor. Da im traditionellen Anbau von Wein viele Pflanzenschutzmittel sowie mineralische und/oder organische Düngemittel eingesetzt werden, ist diese Art der Bodenbearbeitung, zusammen mit dem großen Pflege-Aufwand und dem starken Einsatz von Maschinen, äußerst intensiv. Zudem werden im traditionellen Weinbau große Mengen an Wasser und Energie benötigt.

Für nachhaltigen Weinanbau ist die Umstellung auf umweltschonendere Methoden des Anbaus, beispielsweise die Verwendung von Nutzpflanzen zur Vermeidung von Bodenerosionen und Anreicherung des Bodens mit Stickstoff maßgeblich. Eine Mischung von verschiedenen Arten erfüllt dabei mehrere Funktionen: Ölrettich beispielsweise dient der Bodenauflockerung, und Wicken binden Stickstoff aus der Luft und können so den Einsatz von mineralischem Dünger ersetzen. Während der meisten Monate wird der begrünte Boden nicht bearbeitet, um die Verdunstung von Wasser möglichst gering zu halten. Zudem verringert die Begrünung auch den Abbau von wertvollem Humus. Durch den Einsatz von sogenannten Nützlingen, welche durch ihre räuberische Natur den pflanzenfressenden Schädlingen entgegen wirken, wurden ebenfalls wichtige Schritte in Richtung ökologisch nachhaltiger Weinanbau getan.

Die Erhöhung der Artenvielfalt in den Weinbergen führt zu einer neuen Vielfalt in diesem Ökosystem und zur Ansiedlung von neuen oder Wiederbesiedlung durch alte Arten. Der daraus resultierende Varianten-Reichtum eröffnet der Natur vielfältigere Wege, mit Belastungen durch Schädlinge oder sonstigen schädigenden Einflüssen fertig zu werden und diese ohne den Einsatz von zusätzlichen, chemischen Hilfsmitteln zu bewältigen. Zudem wurden vermehrt schädlingsresistente Rebsorten eingeführt, was ebenfalls zu einer deutlichen Reduzierung der benötigten Insektizide und Pestizide geführt hat.

Neben der lokalen Lage muss beim Thema nachhaltiger Weinanbau auch den veränderten global-klimatischen Gegebenheiten Rechnung getragen werden. Zunehmend extremere Wetterbedingungen wie lange Trockenphasen und darauf folgender starker Regen oder die generell höheren Temperaturen fordern eine Anpassung der bisherigen Anbauwege. Oft sind die Übergänge zwischen den einzelnen Teilaspekten fließend, beispielsweise beim Thema Nutzung von Regenwasser. Hier spielen sowohl Aspekte des Umweltschutzes eine Rolle wie auch eine klare Kostenersparnis, da weniger Frischwasser genutzt und auch bezahlt werden muss.

Wirtschaftlich gesehen hat die Umstellung auf beispielsweise ökologische Schädlingsbekämpfung natürlich auch sowohl Licht- als auch Schattenseiten. Stehen auf der einen Seite Einsparungen aufgrund von geringerem Chemikalien-Einsatz, so sinkt auf der anderen Seite gegebenenfalls der Ertrag, und der Arbeitsaufwand sowie die damit verbundenen Kosten steigen. Um hier sinnvoll wirtschaften zu können und die benötigten Rücklagen für Investitionen in die Zukunft zu bilden, müssen vor allem die Abläufe und Prozesse im Betrieb klar definiert und strukturiert sein. Die besonderen Stärken des Weingutes sowie auch eventuelle Schwächen müssen klar herausgearbeitet werden. Die permanente Suche nach neuen Umsatz-Möglichkeiten, aber auch nach Chancen, weitere Einsparungen vorzunehmen, ist eine der Hauptaufgaben im nachhaltigen Weinbau und Weinhandel. So ist beispielsweise die Nutzung der eigenen Homepage als Bestellmöglichkeit für Endverbraucher eine gute Möglichkeit, um den Absatz auch durch gezielte Rabatt-Aktionen zu steigern und den Konsumenten über die Art und Weise des nachhaltigen Handelns des jeweiligen Betriebes zu informieren oder zum Beispiel auch darüber, welche Auszeichnungen und Preise eventuell schon für besonders nachhaltigen Weinanbau errungen werden konnten. An der Hochschule Heilbronn wurde Ende 2009 das DINE gegründet, das \“Deutsche Institut für Nachhaltige Entwicklung e.V.\“, und auf der Fachmesse ProWein 2011 wurden die ersten Winzerbetriebe mit dessen Siegel für Nachhaltigkeit \“FairChoice®\“ ausgezeichnet.

Von den ökologischen Gesichtspunkten ist es nur noch ein kleiner Schritt zu den sozialen Aspekten, denn wer bereit ist, seinen Mitarbeitern faire Löhne zu zahlen und darauf zu achten, dass das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit bzw. Familie für alle Beteiligten ausgeglichen ist, kommt oft nicht umhin, die damit verbundenen Mehrkosten eventuell auch über erhöhte Produktpreise an den Endverbraucher weiterzureichen. Hier jedoch zeigt sich, dass sich in aller Regel der Konsument als gebildet und verantwortungsbewusst zeigt und durchaus bereit ist, einen moderat höheren Preis für Produkte aus nachhaltigem Anbau zu bezahlen. Genuss ja – aber nicht (mehr) um jeden Preis, sondern lieber mit gutem Gewissen, scheint das Motto der Zukunft zu sein; und das sozial-moralische Gewissen spielt hier natürlich eine entscheidende Rolle.

Beispielsweise sind die Verwendung von Verpackungsmaterialien aus Behindertenwerkstätten oder die Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen wichtige und starke Marketingaspekte in der Kommunikation mit dem Endverbraucher. Und auch die Leistungen immaterieller Natur wie die Pflege der typischen Kulturlandschaften in den Weinanbaugebieten, die Teilnahme an oder Ausrichtung von kulturellen Veranstaltungen oder die Übernahme von Sponsorentätigkeiten für Vereine sind ebenfalls ein starker Aspekt nachhaltigen und sozialverantwortlichen Handelns. Soziale Verantwortung kombiniert mit nachhaltigem, umweltbewusstem Wirtschaften ist mit Sicherheit keine leichte Aufgabe sondern vielmehr eine komplexe Herausforderung, welcher sich der Weinanbau auch in Deutschland stellen muss. Und es ist ein Lernprozess für alle Beteiligten, wo traditionelle Wege überdacht und gegebenenfalls verlassen werden müssen um Chancen für die Zukunft zu gewinnen.

Indem man bereits heute das Verständnis von Kindern und Jugendlichen dafür weckt, auf welche Art und Weise man die natürlichen Ressourcen schonend nutzen kann, sorgt man quasi spielerisch dafür, dass auch zukünftige Generationen noch genügend Rohstoffe zur Verfügung haben und eine Landschaft vorfinden, die lebens- und schützenswert ist.

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