Federleicht durch Tragern

Es ist immer das gleiche Leiden: Stress und Zeitnot oder langes Sitzen am Schreibtisch führen zu einer ständig angespannten Haltung: Nacken- und Schultermuskulatur verkrampfen, häufig tut auch noch der Rücken weh. Wer nicht rechtzeitig für Abhilfe durch Bewegungsausgleich sorgt, kann sich dauerhafte Beschwerden und Verschleißerscheinungen einhandeln. Dabei können chronische Schmerzen entstehen, die Betroffene durch Schonhaltungen zu vermeiden suchen: falsche Bewegungsabläufe, die das Leiden noch verschlimmern.

Zivilisationsgeschädigten kann das Tragern durch tiefe Entspannung wieder ein besseres Körpergefühl vermitteln. Denn Körper und Geist werden bei dieser Behandlungsmethode als Einheit gesehen, die sich unmittelbar beeinflussen: Wer ständig von Sorgen und Ängsten gequält wird, zieht den Kopf zwischen die Schultern wie eine Schildkröte. Niedergeschlagenheit drückt sich auch in einer gebeugten Körperhaltung und einem Zusammensacken der Muskulatur aus. Auch Krankheiten können Bewegungsmuster verändern. Umgekehrt bewirkt eine Lockerung der Muskelverspannung zugleich eine geistige Entspannung. Das kann jeder sofort an sich selbst testen: Nehmen Sie einmal Ihre typische Stresshaltung ein, übertreiben Sie dabei ruhig ein bisschen, und achten Sie dabei genau auf Ihre Atmung und Gefühle. Dann lockern und strecken Sie sich wieder und atmen dabei tief durch: Merken Sie den Unterschied? Hier setzt die Tragermethode an.

Eine Tragerbehandlung wirkt wie ein Verwöhnprogramm für Alltagsgeplagte: Sie dauert eine bis anderthalb Stunden und beginnt mit einer kurzen Besprechung: Wo drückt der Schuh, wo liegt das Problem? Dabei macht sich der Praktiker bzw. Trager-Therapeut ein Bild von den Beschwerden, wo Vorsicht geboten ist oder ob Kontraindikationen zu berücksichtigen sind. Dann bittet er den möglichst bequem gekleideten Klienten auf einen weich gepolsterten Behandlungstisch.
Durch zartes Streichen, sanftes rhythmisches Wiegen und Drehen der Gliedmaßen arbeitet der Therapeut sehr behutsam nur mit dem Eigengewicht des Körpers. Die Behandlung folgt keinem vorgegebenen Schema, sondern richtet sich individuell nach der Situation des Klienten. \“Wie fühlt es sich an?\“ Das ist die zentrale Frage. Das Verfahren soll Wohlbefinden auslösen und wird als ausgesprochen angenehm und tief entspannend erlebt. Der Klient spürt das Eigengewicht des Körpers und Bewegungsspielräume, die keine Anstrengung kosten. Die Berührungen und sanften Bewegungen lösen Muskelimpulse aus, die wie eine Welle den Körper durchlaufen und Verspannungen lockern: Oft fühlen sich Klienten schon nach einer Sitzung \“leicht wie auf einer Wolke\“.

Im zweiten Teil der Sitzung wird der Klient selbst aktiv und probiert unter der Anleitung des Trager-Praktikers einfache und anstrengungsfreie Bewegungen aus. Das Leitmotiv ist auch hier: Was ist leichter? Was fühlt sich freier, weicher, harmonischer an? Mentastics nennen sich diese Übungen. Der Begriff setzt sich aus den englischen Wörtern mental und gymnastics zusammen. Wie beim mentalen Training im Sport sollen bessere Bewegungsabläufe bewusst wahrgenommen und sowohl auf der mentalen wie auf der körperlichen Ebene eingeübt werden. Die mühelosen Bewegungsmuster sollen Verspannungen lösen und die durch Fehlhaltungen entstandenen Schmerzen lindern.

Die ganze Haltung wird freier und leichter. Ein besseres Körpergefühl entsteht, und auch die innere Haltung wird entspannter, gelassener. Die Veränderung der Bewegungsabläufe setzt Energien frei und kann eine Kettenreaktion positiver Empfindungen auslösen. Klienten berichten, dass sie sich nach der Behandlung leichter, beweglicher und innerlich freier fühlen. Nach Sportverletzungen und Unfällen kann die Trager-Methode auch zur Rehabilitation eingesetzt werden.
Die Tragermethode kann bei Verspannungen und Leiden, die die Mobilität beeinträchtigen, zum Einsatz kommen. Sie kann Schmerzzustände verschiedener Ursachen verringern, Haltungsschäden behandeln und auch zum Abbau innerer Anspannung, Stress und Schlafstörungen beitragen. Bei akuten Entzündungen, direkt nach operativen Eingriffen oder bei schweren psychischen Erkrankungen ist die Tragermethode fehl am Platz. Bisher zahlen die Krankenkassen das Tragern nicht, denn es gibt trotz positiver Rückmeldungen noch keine eindeutigen wissenschaftlichen Wirkungsnachweise. Eine Behandlung dauert eine bis anderthalb Stunden. Die Kosten variieren je nach Anbieter und Region zwischen 50 und 100 Euro.

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