Heilen mit Musik

Musik bewegt, kann tiefe Gefühle auslösen, froh oder traurig machen. Fast jeder hat eine Lieblingsmelodie. Sobald sie erklingt, fühlt man sich wohl, erinnert sich an schöne Momente, einen traumhaften Urlaub oder an die erste Liebe. Keine Kultur auf unserem Planeten kommt ohne Musik aus. Seit Urzeiten setzen Menschen sie gezielt ein. Ein langsamer Rhythmus stimuliert anders als ein schneller. Tiefe Töne wirken anders als hohe. Mittlerweile hat auch die moderne Medizin die Heilkraft der Musik entdeckt. „Wir erzielen große Erfolge bei der Behandlung von Schmerzen, Depressionen, Tinnitus und Herzerkrankungen, setzen sie aber auch zur Verbesserung der Lebensqualität von Krebs- und Dialysepatienten ein“, sagt Professor Volker Bolay vom Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung in Heidelberg.
Klänge und Töne lösen nicht nur Gefühle in uns aus, sie wirken auf den ganzen Körper. Das haben wissenschaftliche Untersuchungen eindeutig gezeigt: Je nach Art der Musik lassen sich Herzschlag, Blutdruck, Atmung und sogar der Hautwiderstand beeinflussen. Bestimmte Rhythmen aktivieren die tiefen Hirnbereiche und damit die Struktur der Gehirnströme. Sehr rhythmische Musik steigert die Ausschüttung des Glückhormons Dopamin im Gehirn. Trommelartige Klänge lösen Spannungen und aktivieren das Wohlfühlhormon Endorphin. Der Schlüssel für die vielfältige Wirkung der Musik auf den Körper liegt im sogenannten autonomen Nervensystem des Körpers. Es steuert Vorgänge wie Atmung, Herzschlag und Verdauung, ohne dass uns das bewusst ist. „Das autonome Nervensystem sorgt dabei für ein Gleichgewicht von Anspannung und Ruhe“, sagt der Experte. „Musik kann dieses Gleichgewicht verschieben, beruhigen oder aufregen.“
Die seriöse Musiktherapie arbeitet ganz individuell. Sie kann nur dann erfolgreich zum Einsatz kommen, wenn Patienten sich auf die Behandlung einlassen wollen und Musik auch wirklich mögen. Musik sollte mit positiven Gefühlen verbunden sein. Glücklicherweise wachsen die meisten Menschen mit Liedern auf. Das ganzheitliche Therapieverfahren findet auch bei Schulmedizinern immer mehr Zustimmung. Sie erkennen, dass es mit High-Tech-Verfahren oft nicht möglich ist, an die Persönlichkeit des Patienten heranzukommen. Dieses ist aber für den Heilungsprozess sehr wichtig.
Experten unterscheiden zwei Therapieformen: Beim passiven Hören lauschen Patienten gemeinsam mit dem Therapeuten der Musik. Man bespricht, welche Erinnerungen und Gefühle das wachruft. Bei der aktiven Musiktherapie greift der Patient selbst zum Instrument und beginnt selbst zu improvisieren. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand das Instrument spielen kann oder nicht. Es geht nur um das Gefühl: Was macht die Musik mit mir. Gute Therapeuten versetzen sich in die Lage des Patienten, begleiten ihn oder geben Anregungen. So können sich Blockaden lösen und Gestautes wieder in Fluss kommen.
Lange Zeit kam die Musiktherapie fast nur im Rahmen der Psychotherapie zum Einsatz. Vor allem bei Depressionen, Ängsten und Burn-Out-Syndrom. Wissenschaftlich belegt ist die gute Wirkung in der Schmerztherapie, vor allem bei Rückenerkrankungen, Rheuma und Migräne. Große Erfolge gibt es seit einiger Zeit bei der Behandlung von Tinnitus. Rund drei Millionen Menschen in Deutschland leiden unter den permanenten Tönen im Ohr. Die unangenehmen Geräusche fräsen eine Spur ins Gehirn, deshalb sind sie ständig zu hören. Mit Hilfe der Musik wird eine neue Loipe geschaffen. Das Ohrgeräusch selbst verschwindet zwar nicht, aber der Betroffene lernt, besser damit umzugehen. Einen positiven Einfluss hat Musik auch auf Schlaganfall- und Parkinson-Patienten. Bestimmte Rhythmen erleichtern die Koordination von Bewegungen. So verbessern die sanften Töne die Lebensqualität.

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