Heilen mit Kälte

Seit mehr als 100 Jahren nutzen Ärzte und Physiotherapeuten Kälte vorbeugend und therapeutisch. Was als klassisches Naturheilverfahren mit Eisbeuteln, Abreibungen und Tauchbädern begann, gibt es dank moderner Technik heute in verschiedensten Varianten: Die lokale Kaltlufttherapie bei minus 20 bis minus 30 Grad lindert Schmerzen und verbessert die Mobilität der Gelenke. In der Kältekammer setzen sich die Patienten minutenlang Temperaturen von minus 110 Grad aus. Die tiefsten Temperaturen lassen sich mit flüssigem Stickstoff erreichen: Warzen, Narben und bestimmte Hauttumore werden bei minus 196 Grad vereist.
Die Wirkung der Kältetherapie hängt von der Fläche des Anwendungsgebiets, der Temperatur und der Dauer ab. Ein kurzer Kältereiz steigert die Muskelspannung, ein länger andauernder wirkt muskelentspannend. Haupteinsatzgebiet der Kältetherapie sind Erkrankungen des Bewegungsapparats wie Gelenk- und Weichteilrheumatismus, Sportverletzungen und Nervenschmerzen. Kälte wirkt schmerzlindernd, entzündungshemmend, abschwellend und bewegungsfördernd. Besonders intensiv wirkt die Ganzkörperbehandlung in der Kältekammer: Nur leicht bekleidet bewegen sich die Patienten drei Minuten lang bei minus 110 Grad. Danach sind sie zwei bis drei Stunden lang nahezu schmerzfrei. Die Kälte greift dabei direkt an der Haut an. Bestimmte Hautzellen senden weniger Botenstoffe und entzündungsauslösende Stoffe aus. Diese sogenannten Zytokine sind bei entzündlichem Gelenkrheuma maßgeblich an der Zerstörung der Gelenke beteiligt. Die hemmende Wirkung auf die im Blut kreisenden gelenkzerstörenden Zellen, die T-Helfer-Lymphozyten, tritt jedoch erst bei minus 110 Grad ein.
Durch regelmäßige Besuche in der Kältekammer lässt sich die Entzündungsaktivität dämpfen. Dann sprechen auch Medikamente besser an. Bei rechtzeitiger Behandlung lässt sich ein rheumatischer Schub abfangen und sogar ein Krankenhausaufenthalt vermeiden. Auch nach Hüft- oder Kniegelenks-Operationen hat sich die frostige Therapie bewährt. Die Schmerzen nehmen deutlich ab, und die Beweglichkeit bessert sich innerhalb von drei Wochen.
Bei chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen wie Neurodermitis und Schuppenflechte sowie bei bestimmten Autoimmunerkrankungen lassen sich ebenfalls gute Erfolge erzielen. Es gibt nur wenige Gegenanzeigen. Nach einem Herzinfarkt sollte man jedoch sicherheitshalber einige Monate verstreichen lassen. Auch Patienten mit Kälteurtikaria, peripherer arterieller Verschlusskrankheit und Durchblutungsstörungen in den Fingern sollten auf Kälteanwendungen verzichten.
Bundesweit bieten mehr als 70 spezialisierte Rheuma- und Rehakliniken die Kältekammer-Therapie an. Die Behandlung kann teilweise auch ambulant erfolgen. Wichtig für den Erfolg ist aber die Regelmäßigkeit. Einmal in der Woche bringt überhaupt nichts. Für den Hausgebrauch empfehlen Kälte-Experten den Eisbeutel: Damit lässt sich auch die Zeit zwischen zwei Kältekammer-Besuchen überbrücken. Eingewickelt in ein dünnes Handtuch, wird das Eis mindestens fünf Minuten lang auf die schmerzende Stelle gelegt. Wegen der Gefahr lokaler Erfrierungen darf das Eis keinen direkten Kontakt zur Haut haben.
Das gilt auch für gelhaltige Kältebeutel aus der Apotheke. Ohne ihre weiche Konsistenz zu verlieren, werden sie im Kühlschrank oder Gefrierfach gekühlt und mehrmals täglich auf die erkrankten Gelenke gelegt. Hand- und Fingergelenke sollten fünf Minuten, Knie- und Hüftgelenke 15 bis 20 Minuten gekühlt werden. Tritt statt des Kältegefühls ein Kälteschmerz auf, ist der Eisbeutel kurz zu entfernen. Zur Akuttherapie von Sportverletzungen haben sich Kältesprays bewährt: Durch die Verdunstungskälte entstehen auf der Haut Temperaturen um null Grad.

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