Früher galt Pfeffer als so kostbar, dass er mit Gold aufgewogen wurde. Auch andere Gewürze waren fast unbezahlbar, sodass sie nur bei der Zubereitung festlicher Speisen zu besonderen Gelegenheiten in die Töpfe kamen – und nur in adeligen Kreisen. Heute sind Gewürze aus aller Herren Länder zwar in jeder Küche zu finden, doch sie verleihen Gerichten und Getränken noch immer eine exklusive Note. Gewürze werden aus Pflanzen oder Pflanzenteilen hergestellt und frisch oder getrocknet verwendet – entweder im Mörser zerstoßen oder zermahlen. Zimt gewinnt man zum Beispiel aus der Rinde des Zimtbaums, Safran aus den Blütennarben einer Krokusart. Bei Piment handelt es sich um die Beerenfrüchte des Pimentbaums, bei Ingwer um den Wurzelstock des Ingwerstrauchs und bei Nelken um die getrockneten Blüten des Gewürznelken-Baums. Schon in geringen Mengen intensivieren oder bereichern die Gewürze den Geschmack eines jeden Essens.
Dieser Effekt geht zurück auf sekundäre Pflanzenstoffe wie ätherische Öle sowie Bitter- und Scharfstoffe. Wer eine Rosmarinnadel oder eine Gewürznelke zwischen den Fingern zerreibt, bemerkt sofort, wie sich mit der Freisetzung der flüchtigen Aromastoffe ein intensiver Duft verbreitet. Ein öliger Film überzieht dann die Haut. Die Aroma- und Pflanzenstoffe verbessern darüber hinaus die Bekömmlichkeit vieler Speisen. Pfeffer fördert die Magentätigkeit, Thymian und Nelken regen den Darm an, und Safran gilt als krampflösend. Aufgrund dieser Wirkungen werden viele Gewürze auch als Heilmittel angewendet – dann allerdings oft in einer höheren Dosis als der in Lebensmitteln üblichen. So hilft etwa Zimtrinde in Teezubereitungen oder als pures ätherisches Öl gegen Appetitlosigkeit, Völlegefühl oder Menstruationsbeschwerden. Schwangeren wird empfohlen, Zimt nicht als Heilmittel zu verwenden, da er Wehen fördert.
Fenchel- und Kümmeltee lindern Blähungen und Darmkrämpfe. Nelken werden wegen ihrer antibakteriellen und schmerzstillenden Wirkung in der Zahnheilkunde geschätzt und pur gekaut oder als Mundwasser angesetzt. Kurkuma, eine Wurzelknolle aus der Ingwer-Familie, hat sich bei Leberschäden und gestörter Fettverdauung bewährt.
Das scharfe ätherische Öl des Ingwer-Wurzelstocks regt nicht nur die Verdauung an, es hilft auch gegen Übelkeit verschiedener Ursachen. Kapselpräparate mit Ingwerpulver gegen Reisekrankheit gibt es in der Apotheke. Im Vergleich zu chemisch-synthetischen Stoffen hat Ingwer den Vorteil, dass er nicht müde macht.
Dass Gewürze nicht nur den Gaumen anregen, sondern auch die Verdauung verbessern, ist seit Jahrtausenden in der westlichen Natur– und Erfahrungsheilkunde, im Ayurveda und in der traditionellen chinesischen Medizin bekannt. Die Heilwirkung wurde inzwischen in Studien belegt: Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität München wiesen den Effekt verschiedener Aromastoffe wie zum Beispiel Thymol (in Thymian enthalten), Eugenol (Gewürznelken, Muskat) und von Methylsalicylaten (Vanille) direkt im menschlichen Verdauungstrakt nach. Diese Inhaltsstoffe der Gewürze werden auch chemisch hergestellt.
Professor Manfred Gratzl, Leiter des anatomischen Instituts der Ludwig-Maximilians-Universität, und sein Team entdeckten auf Sensorzellen der Schleimhaut in Magen und Darm Rezeptoren, die auch in der Nase vorkommen. Die Wissenschaftler regten diese Zellen in ihren Experimenten mit Thymol und Eugenol an. Ergebnis: Die Aromastoffe binden an die Rezeptoren der Sensorzellen, die daraufhin Serotonin freisetzen. Dieses beeinflusst das Nervensystem des Darms und damit die fortlaufenden Kontraktionen zum Weitertransport des Speisebreis.
Die Forscher gehen davon aus, dass es künftig möglich sein wird, die Sensorzellen des Verdauungstraktes – und damit die Darmbewegungen – durch Aromastoffe gezielt zu beeinflussen. Das wäre ein neuer Ansatz in der Therapie etwa des Reizdarm-Syndroms – einer funktionellen Störung des Darms, bei der sich Durchfall und Verstopfung abwechseln. Umgekehrt ist es denkbar, dass der übermäßige Einsatz von Duftstoffen wie Eugenol und Thymol, etwa in Zigaretten, Waschmitteln und Kosmetika, das Verdauungssystem irritiert und Störungen wie das Reizdarm-Syndrom auslöst.

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