Fast wäre die Traditionelle Tibetische Medizin in Vergessenheit geraten. Doch das geistige Oberhaupt der Tibeter macht die sanfte Heilkunst wieder populär, denn der 72jährige Dalai Lama schwört auf die Heilkraft seiner Heimat. Anders als westliche Mediziner behandeln die asiatischen Experten nicht nur die körperlichen Symptome, sondern sehen den Patienten als Ganzes. Doch genau der Ansatz erlangt auch bei uns immer mehr an Bedeutung.
Die tibetische Medizin kennt 1 600 verschiedene Krankheiten und mehr als 84 000 gesundheitliche Störungen. Anders als in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), wo eine Störung des Energieflusses eine Krankheit auslöst, gelten in der tibetischen Medizin die Geistesgifte Gier, Hass und Verblendung als Hauptursache für das Entstehen einer Krankheit. Aber auch schlechte Ernährung, falsches Verhalten wie Bewegungsmangel oder zu viel Stress sowie Umweltfaktoren spielen eine wichtige Rolle.
Gier gilt als Auslöser für Herz-Kreislauferkrankungen, Aggressionen greifen Leber und Galle an, Intoleranz löst Atemwegs- und Stoffwechselstörungen aus. Jeder kann die Geistesgifte überwinden, indem man sich der negativen Emotionen bewusst wird und sie gezielt in Großzügigkeit, Nächstenliebe und Weisheit umwandelt.
Wer einen Arzt für TTM aufsucht, sollte viel Zeit mitbringen. Der Behandlung (ca. 120 Euro für die erste Sitzung, Kassen zahlen nicht) geht eine ausführliche Befragung des Patienten zu seinen Lebensumständen voraus. Dabei beobachtet der Arzt den Patienten, beurteilt Gestik und Mimik.
Dann folgt mit dem Fühlen des Pulses das wichtigste Diagnosemittel. Er wird mit drei Fingern an beiden Handgelenken mit unterschiedlichem Druck ertastet. Der Zeigefinger fühlt bis zur Haut, der Mittelfinger bis zum Fleisch, der Ringfinger bis zum Knochen.
So kann der Mediziner die festen (Herz, Leber, Milz und Nieren) und die Hohlorgane (Magen, Dünndarm, Dickdarm, Galle, Milz und Blase) einschätzen. Ein guter TTM-Arzt kann so Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes, Stoffwechselstörungen und sogar Krebserkrankungen diagnostizieren.
Wenn ein TTM-Arzt eine Krankheit diagnostiziert hat, empfiehlt er Maßnahmen zur Änderung des Verhaltens. Spezielle Atemübungen und Yoga sollen die „Geistesgifte“ vertreiben, individuelle Ernährungspläne mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten das energetische Gleichgewicht wiederherstellen. Vor allem Verdauungsstörungen gelten in der TTM als Ursache vieler chronischer Krankheiten. Das „Verdauungsfeuer“ wird durch spezielle Rezepte gelöscht.
Erst im späteren Verlauf der Behandlung kommen auch die berühmten Heilkräuter zum Einsatz. 2 300 unterschiedliche Rezepturen sind bekannt. Streng wissenschaftliche Untersuchungen in westlichen Laboratorien konnten nachweisen, dass die tibetischen Heilkräuter wirksame Substanzen in hoher Konzentration enthalten. Möglich macht das die besondere klimatische Situation im Himalaya. Es gibt Kräuter und Pflanzen, die nur dort wachsen. Jede Rezeptur besteht aus einer einzigartigen Mixtur und enthält bis zu 20 unterschiedliche Wirkstoffe. Bei hartnäckigen Erkrankungen kommen auch Akupunktur und Moxibustion (Abbrennen von Heilkräutern über Akupunkturpunkten) zum Einsatz. In der Regel sind zehn Therapiesitzungen nötig.
Die größten Erfolge erzielt die tibetische Medizin bei psychosomatischen Erkrankungen wie Magen-Darm-Problemen, Herzrasen, Stress bedingten Kopfschmerzen, Allergien, Migräne und Tinnitus. Aber auch bei Diabetes und Gicht werden große Behandlungserfolge erzielt. Wichtig: Bei schwerwiegenden Erkrankungen wie Krebs und Schlaganfall kann die tibetische Medizin die Schulmedizin nur ergänzen.

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