Irrtümlicherweise gilt Ayurveda in Deutschland als außerordentlich sanfte Medizin und hat ein ganz anderes Image als im Herkunftsland Indien. In Wirklichkeit aber ist therapeutisch angewandter Ayurveda teilweise eine recht kräfteraubende Prozedur. Bei der klassischen Panchakarma-Reinigungskur greifen Öl-Einläufe, Abführen, Aderlass, Kopf- und Nasenreinigung sowie künstliches Erbrechen massiv in den Stoffwechsel ein. Sie zielen auf eine tiefe innere Reinigung des Organismus. Die populären wohltuenden Ölmassagen sind lediglich eine Art der Vorbehandlung für das Panchakarma und sollen Stoffwechselgifte über die Haut ableiten. Häufig werden in Deutschland unter dem Stichwort Ayurveda ausschließlich einzelne Ölbehandlungen angeboten. So wird aus einem breiten Therapiespektrum ein kleiner Teil isoliert, den die Patienten als angenehm empfinden, aber es ist keine ayurvedische Behandlung im eigentlichen Sinn.
Die 2000 Jahre alte indische Heilkunde ist ein ganzheitliches Medizinsystem, das Gesundheit erhalten und Krankheit beseitigen will. Schon der Ursprung des Wortes weist auf diesen Anspruch hin: Ayurveda heißt „Lehre vom langen Leben“. Diese basiert auf Ratschlägen zu allgemeiner Lebensführung und Bewegung, Ernährung und Phytotherapie, physikalischer Medizin (Massagen) und setzt zudem auch sogenannte ausleitende Verfahren ein.
Schnelle Erfolge kann der Ayurveda nicht leisten, denn die Behandlungsmethoden sind langwierig. Medizinische Effekte erfordern mindestens zwei bis drei Wochen Therapiedauer. Eine Panchakarma-Kur im Ursprungsland Indien dauert sogar mindestens vier bis acht Wochen. Sie soll eine tief greifende Reinigung des Organismus bewirken und dadurch die drei Lebensenergien, die „Doshas“, harmonisieren.
Ein Ungleichgewicht der drei Doshas gilt in der Vorstellungswelt der indischen Volksmedizin als Ursache von Erkrankungen. Es bewirkt, dass Nahrung nicht angemessen umgesetzt wird. Unverdaute Nahrung (Ama) und Stoffwechselgifte (Mala) lagern sich demnach in Plasma, Lymphe, Blut, Muskeln, Fett oder Knochen ab und beeinträchtigen die Organfunktionen. Durch Puls-, Zungen- und Augendiagnose findet der Ayurveda-Arzt heraus, welche Gewebeart von der Störung betroffen ist. Anschließend wird das Gewebe von innen gereinigt. Kräutertees sowie innerlich angewandtes Butterfett (Ghee) sollen Ama und Mala lösen, sodass es durch Ölmassagen und andere ausleitende Maßnahmen wie Einläufe abtransportiert werden kann.
Eine wichtige Rolle für gesundes Gewebe spielt die auf den Dosha-Typ zugeschnittene Ernährung mit bestimmten Lebensmitteln und typischen Gewürzen, beispielsweise Kurkuma, Koriander, Cayennepfeffer und Ingwer. Durch die Verwendung verschiedener Gewürze kann im Ayurveda dieselbe Mahlzeit typgerecht für die jeweilige Dosha-Konstitution zubereitet werden. Strikte Ge- und Verbote in puncto Ernährung sind jedoch nicht im Sinne der indischen Volksmedizin. Im Ayurveda darf man alles – aber in Maßen. Eine wichtige Empfehlung lautet: „Man muss so essen, dass gut verdaut wird.“ Denn nur wenn das „Verdauungsfeuer“ richtig brennt, bleibt der Mensch dauerhaft gesund.

Woran man eine seriöse Ayurveda-Behandlung erkennt

  • Die Therapeuten machen keine überzogenen Heilsversprechen. Vorsicht gilt vor allem dann, wenn bei chronischen Erkrankungen (etwa Arthritis oder Tumoren) eine drastische Verbesserung oder gar Heilung in Aussicht gestellt wird.
  • Es gibt eine ausführliche Beratung vor Beginn der Behandlung.
  • Man erhält einen individuellen Behandlungsplan, der aber nicht stur durchgezogen, sondern an das aktuelle Befinden angepasst wird.
  • Es besteht kein Ausschließlichkeitsanspruch: Das heißt: Andere Therapien werden nicht abrupt abgesetzt oder als falsch gebrandmarkt.
  • Die Therapeuten verwenden keine Öle mit duftenden Zusätzen, sondern „medizinierte“ Pflanzenöle, spezielle Kräuterauszüge, etwa mit Rosmarin, Ingwer oder Salbei.
  • Der Ayurveda-Arzt berücksichtigt Gegenanzeigen und sieht zum Beispiel bei Nierenerkrankungen von Einläufen ab.

Die drei Bio-Energien (Doshas) und ihre Funktionen

Vata (= Luft) steuert Bewegung, Atmung, die Aktivität des Nervensystems und die Ausscheidungsfunktionen. Ist zu viel oder zu wenig Vata vorhanden, entstehen Nervosität, Schlafstörungen, Hyperaktivität und Kopfschmerzen.
Element: Luft
Charakteristische Merkmale: schlank, körperlich aktiv, agil
Pitta (= Galle) ist auf der körperlichen Ebene verantwortlich für Umwandlungsprozesse aller Art wie Stoffwechsel, Verdauung, Hormonsystem und Thermoregulation. Auf der geistigen Ebene regelt es Intelligenz und Ausstrahlung. Ist Pitta gestört, zeigt sich dies zum Beispiel in Gereiztheit, Aggressivität, Bluthochdruck und Magenbeschwerden.
Element: Feuer (plus Wasser)
Charakteristische Merkmale: mittelschwerer Körperbau, ehrgeizig, leidenschaftlich
Kapha (= Schleim) regelt alle Funktionen der Struktur und Stabilität, zum Beispiel das Immun- und Lymphsystem. Auf der geistigen Ebene steht es für Sicherheit und Zufriedenheit. Störungen des Kapha äußern sich zum Beispiel in Energieverlust, Antriebsarmut und Impotenz.
Element: Erde, Wasser
Charakteristische Merkmale: schwerer Körperbau, verlässlich, großzügig

Quelle: Apotheken Umschau

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